Archiv für die Kategorie ‘Humane Gesellschaft’

Vom Unrecht der Philosophie

Januar 23, 2008

Vom Unrecht der Philosophie I


Dass die Philosophie die Welt nur interpretiere, hat ein recht fleißiger Philosoph namens Marx ebenso breitbrüstig wie allzu forsch einst behauptet. Und hinzugesetzt, dass es darauf ankomme, sie zu verändern. Was zu bedeuten schien, dass alle ‚Interpretation’ doch gleich schon verkehrt sei.
Die Breitbrüstigkeit mag verzeihlich sein, hat Marx doch selbst ein ebenso bemerkenswertes wie umfassendes, wenn auch bis heute leicht anrüchig bleibendes Oeuvre nachgelegt, das eine gewisse Brustschwellung gestattet. Allzu forsch vorgetragen bleibt der Vorwurf dennoch: Welche Weltveränderung, die sich lohnte, wäre ohne interpretative Phantasie und unverkäufliche Vernunft je entstanden? Veränderungen von beträchtlichem Ausmaß und von schwerwiegender Konsequenz für das Leben der Menschen hat es zuhauf gegeben. Und wir sind immer noch damit beschäftigt, den jetztzeitigen atemlos hinterher zu hecheln. Freilich Veränderungen ohne universelle Vernunft und in der Regel schlichtem Egoismus geschuldet, was in der Regel nicht gleich Elend für alle, aber stets für Viele herbeibrachte. Und in der Regel recht üppige Vorteile für Einige.


Der, den Marx vom Kopf auf die Füße stellen wollte, ein gewisser Hegel, sah zwar auch in derlei Veränderungen noch die versteckte, manchmal verschämte, zuweilen listige Vernunft eines Weltgeistes – was nun so sein mag oder auch nicht -, der auf lange Sicht das ‚Gute’, jedenfalls ‚Vernünftige’ herbeischaffe.
Der Verdacht, dass Marx’ Denkentwurf – wie immer er auch im Detail sich mit der handfesten Technik des Kapitalismus abmühen mochte – getragen war von der Utopie einer gerechten und freien Gesellschaft, die er gegen die empörende menschenunwürdige Praxis aufrecht zu erhalten suchte, liegt auf der Hand.
Das schloss ein, die billigen Verideologisierungen einer angeblich das Wohlergehen aller befördernden asozialen sozialen Ordnung als das zu entlarven, was sie eben sind: Ziemlich dürftig verkleidete Lügen, die von der Chancenlosigkeit der Menschen leben, deren vergebliche Hoffnung darauf geeicht bleibt, das möge irgendwie gelingen und für sie fiele dabei ein leichteres Überleben ab. Doch die ausschließlich marktorientierten Verkürzungen der ursprünglichen menschenrechtlichen Konzeption einer freien Bürgergesellschaft auf schichtspezifische Spezialvorteile gibt das nicht her.

Was Marx wohl eher sagen wollte mit dem oft und in falscher ‚Interpretation’ zitierten Gegensatz von Interpretation und Veränderung, mag ein Vorwurf an die Philosophie sein, die allzu viel vornehme Zurückhaltung an den Tag lege, wenn es darum gehe, gegenüber der falschen Realität den richtigen Gedanken wieder in Erinnerung zu rufen. Den Verhältnissen, wie es an anderer Stelle heißt, ihre eigene Melodie vorzuspielen, heißt dann: Die ursprünglichen Versprechungen beim Wort zu nehmen und gegen die zu verteidigen, die diese bloß zum Verklärungsinstrument einer im Kern maroden Welt umzumünzen.

Jenseits einer leicht religiösen Hoffnung auf den verschlungenen Gang eines Weltgeistes, der irgendwie schon wisse, was er tue, und schlussendlich alles richte. Und das mag schon heißen: die Dinge selbst in die Hand zu nehmen.

Fatal gewiss hier die Nähe, kontrapunktisch zur Verkopfung ‚der’ Philosophie, zum enthemmten Handeln. Man weiß, was daraus geworden ist bzw. was von den stets unwürdiger werdenden ‚Nachfolgern’ Marx’ daraus gemacht bzw. herausinterpretiert wurde.

Aber das ist noch keinesfalls ein Einwand gegen den humanen Denkimpuls, dass nicht zu schweigen ist gegenüber dem Unrecht. Und das heißt – denn kaum einer schweigt heute noch -, das auch wirklich zu wollen, was richtig zu denken ist. Letztlich eine Wiederholung: es bleibt eine Art besonderen Unrechts, sich im Gedanken allein über das Übel in der Welt herzumachen, ohne wirkliches Bemühen, es in der Tat abzustellen.

Vom Unrecht der Philosophie (Fortsetzung)

Januar 18, 2008

II

Veränderung, die was auf sich hält, ist eben stets eine im Denken. Ein im Kern philosophischer Vorgang. Auch dann, wenn der Anspruch, man philosophiere, fehlt. Das nämlich tut man ohnehin, sofern man denkt.

Akademische Philosophie, also die von Fachleuten, ist zuweilen gerade davon weit entfernt, noch auf Veränderungen zuzudenken. Sie arbeitet für die Archive, jedenfalls für das Überleben. Das muss wohl sein.

Kant sprach freilich vom Schulbegriff der Philosophie, den er gegen deren Weltbegriff absetzte. Es wird beide Philosophieweisen geben müssen, worauf es aber ankommt, wenn es um die sinnvolle Veränderung der Welt und den humanen Fortschritt im Leben der Menschen gehen soll, ist ihr Weltbegriff.

Der liegt jenseits einer professionellen Neutralität und ist im Kern praktische Philosophie. Er will das Gute. Gelebt und gestaltet. Darum will er mehr als ein wie immer auch treffliches Denken über das Gute bloß. Nur dann mag es das Gute in der Tat geben. Das ‚Staunen’, dem man in mancher Einführung in die Philosophie nachsagt, es sei der Ansatz der Philosophie, ist, wenn es einer ist, eher eines der Empörung: Dass die Dinge nicht so sind, wie sie sein sollten. Ein Wundern darüber, wie das Leben der Menschen dem bestenfalls hinterherläuft, wie es sein könnte und sollte. Dieses Staunen ist weniger eines über die ‚Welt’, sondern eines über die Beschränktheit und Bequemlichkeit der Annahmen, über die wir verfügen. Und es behält den Respekt vor dem Dasein, dem Leben aller, das bessere Antworten und bessere Verhältnisse verdient hat als naive Verklärung und beruhigende Floskeln, die schon beim ersten Hinsehen eigentlich als das erkennbar sein sollten, was sie sind: parteiische Annahmen zumeist, die handfeste egoistische Interessen vertarnen, mit denen der, der zu erklären vorgibt, doch nichts weiter erreichen will, als seinen Rang herauszustreichen und mehr oder weniger bedeutende oder bescheidene Vorteile in Richtung Macht- und Güterverteilung zu vernebeln oder abzusichern.

Das ist freilich keine Anweisung zum überstürzten Handeln. Aber doch eine Verpflichtung dazu, dem richtigen Gedanken auch im richtigen Handeln zu folgen. Sonst tut sich bloß fort, was windschief war im Ansatz und schiefer noch wird in der Folge. Sonst wird, was vielleicht einmal stimmte, so ganz und gar falsch. Wer denkt, kann damit nicht aufhören.