Dass die Philosophie die Welt nur interpretiere, hat ein recht fleißiger Philosoph namens Marx ebenso breitbrüstig wie allzu forsch einst behauptet. Und hinzugesetzt, dass es darauf ankomme, sie zu verändern. Was zu bedeuten schien, dass alle ‚Interpretation’ doch gleich schon verkehrt sei.
Die Breitbrüstigkeit mag verzeihlich sein, hat Marx doch selbst ein ebenso bemerkenswertes wie umfassendes, wenn auch bis heute leicht anrüchig bleibendes Oeuvre nachgelegt, das eine gewisse Brustschwellung gestattet. Allzu forsch vorgetragen bleibt der Vorwurf dennoch: Welche Weltveränderung, die sich lohnte, wäre ohne interpretative Phantasie und unverkäufliche Vernunft je entstanden? Veränderungen von beträchtlichem Ausmaß und von schwerwiegender Konsequenz für das Leben der Menschen hat es zuhauf gegeben. Und wir sind immer noch damit beschäftigt, den jetztzeitigen atemlos hinterher zu hecheln. Freilich Veränderungen ohne universelle Vernunft und in der Regel schlichtem Egoismus geschuldet, was in der Regel nicht gleich Elend für alle, aber stets für Viele herbeibrachte. Und in der Regel recht üppige Vorteile für Einige.
Der, den Marx vom Kopf auf die Füße stellen wollte, ein gewisser Hegel, sah zwar auch in derlei Veränderungen noch die versteckte, manchmal verschämte, zuweilen listige Vernunft eines Weltgeistes – was nun so sein mag oder auch nicht -, der auf lange Sicht das ‚Gute’, jedenfalls ‚Vernünftige’ herbeischaffe.
Der Verdacht, dass Marx’ Denkentwurf – wie immer er auch im Detail sich mit der handfesten Technik des Kapitalismus abmühen mochte – getragen war von der Utopie einer gerechten und freien Gesellschaft, die er gegen die empörende menschenunwürdige Praxis aufrecht zu erhalten suchte, liegt auf der Hand.
Das schloss ein, die billigen Verideologisierungen einer angeblich das Wohlergehen aller befördernden asozialen sozialen Ordnung als das zu entlarven, was sie eben sind: Ziemlich dürftig verkleidete Lügen, die von der Chancenlosigkeit der Menschen leben, deren vergebliche Hoffnung darauf geeicht bleibt, das möge irgendwie gelingen und für sie fiele dabei ein leichteres Überleben ab. Doch die ausschließlich marktorientierten Verkürzungen der ursprünglichen menschenrechtlichen Konzeption einer freien Bürgergesellschaft auf schichtspezifische Spezialvorteile gibt das nicht her.
Was Marx wohl eher sagen wollte mit dem oft und in falscher ‚Interpretation’ zitierten Gegensatz von Interpretation und Veränderung, mag ein Vorwurf an die Philosophie sein, die allzu viel vornehme Zurückhaltung an den Tag lege, wenn es darum gehe, gegenüber der falschen Realität den richtigen Gedanken wieder in Erinnerung zu rufen. Den Verhältnissen, wie es an anderer Stelle heißt, ihre eigene Melodie vorzuspielen, heißt dann: Die ursprünglichen Versprechungen beim Wort zu nehmen und gegen die zu verteidigen, die diese bloß zum Verklärungsinstrument einer im Kern maroden Welt umzumünzen.
Jenseits einer leicht religiösen Hoffnung auf den verschlungenen Gang eines Weltgeistes, der irgendwie schon wisse, was er tue, und schlussendlich alles richte. Und das mag schon heißen: die Dinge selbst in die Hand zu nehmen.
Fatal gewiss hier die Nähe, kontrapunktisch zur Verkopfung ‚der’ Philosophie, zum enthemmten Handeln. Man weiß, was daraus geworden ist bzw. was von den stets unwürdiger werdenden ‚Nachfolgern’ Marx’ daraus gemacht bzw. herausinterpretiert wurde.
Aber das ist noch keinesfalls ein Einwand gegen den humanen Denkimpuls, dass nicht zu schweigen ist gegenüber dem Unrecht. Und das heißt – denn kaum einer schweigt heute noch -, das auch wirklich zu wollen, was richtig zu denken ist. Letztlich eine Wiederholung: es bleibt eine Art besonderen Unrechts, sich im Gedanken allein über das Übel in der Welt herzumachen, ohne wirkliches Bemühen, es in der Tat abzustellen.
Schlagworte: Aufklärung, Fortschritt der Gesellschaft, Gerechtigkeit, Hegel, Humanismus, Interpretation, Marx, soziale Konflikte, Veränderung