Vom Unrecht der Philosophie (Fortsetzung)

By paulwillems

II

Veränderung, die was auf sich hält, ist eben stets eine im Denken. Ein im Kern philosophischer Vorgang. Auch dann, wenn der Anspruch, man philosophiere, fehlt. Das nämlich tut man ohnehin, sofern man denkt.

Akademische Philosophie, also die von Fachleuten, ist zuweilen gerade davon weit entfernt, noch auf Veränderungen zuzudenken. Sie arbeitet für die Archive, jedenfalls für das Überleben. Das muss wohl sein.

Kant sprach freilich vom Schulbegriff der Philosophie, den er gegen deren Weltbegriff absetzte. Es wird beide Philosophieweisen geben müssen, worauf es aber ankommt, wenn es um die sinnvolle Veränderung der Welt und den humanen Fortschritt im Leben der Menschen gehen soll, ist ihr Weltbegriff.

Der liegt jenseits einer professionellen Neutralität und ist im Kern praktische Philosophie. Er will das Gute. Gelebt und gestaltet. Darum will er mehr als ein wie immer auch treffliches Denken über das Gute bloß. Nur dann mag es das Gute in der Tat geben. Das ‚Staunen’, dem man in mancher Einführung in die Philosophie nachsagt, es sei der Ansatz der Philosophie, ist, wenn es einer ist, eher eines der Empörung: Dass die Dinge nicht so sind, wie sie sein sollten. Ein Wundern darüber, wie das Leben der Menschen dem bestenfalls hinterherläuft, wie es sein könnte und sollte. Dieses Staunen ist weniger eines über die ‚Welt’, sondern eines über die Beschränktheit und Bequemlichkeit der Annahmen, über die wir verfügen. Und es behält den Respekt vor dem Dasein, dem Leben aller, das bessere Antworten und bessere Verhältnisse verdient hat als naive Verklärung und beruhigende Floskeln, die schon beim ersten Hinsehen eigentlich als das erkennbar sein sollten, was sie sind: parteiische Annahmen zumeist, die handfeste egoistische Interessen vertarnen, mit denen der, der zu erklären vorgibt, doch nichts weiter erreichen will, als seinen Rang herauszustreichen und mehr oder weniger bedeutende oder bescheidene Vorteile in Richtung Macht- und Güterverteilung zu vernebeln oder abzusichern.

Das ist freilich keine Anweisung zum überstürzten Handeln. Aber doch eine Verpflichtung dazu, dem richtigen Gedanken auch im richtigen Handeln zu folgen. Sonst tut sich bloß fort, was windschief war im Ansatz und schiefer noch wird in der Folge. Sonst wird, was vielleicht einmal stimmte, so ganz und gar falsch. Wer denkt, kann damit nicht aufhören.


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